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Andreas Künkler beim New York Marathon

Mein
Traum ist wahr geworden. Morgens um drei Uhr wurde ich durch einen schrillen
Ton vom Handy in New York in einem Hotelzimmer aus tiefstem Schlaf gerissen
um festzustellen, dass mein Handy die Uhrzeit in USA nicht automatisch umgestellt
hat. In USA werden die Uhren erst am ersten Novemberwochenende auf Winterzeit
umgestellt. Ein bißchen MTV schauen und sich eine Stunde später fertig
machen um sich um 4:30 auf den Weg zum Bus zu begeben. Beim New York Marathon,
einem der weltweit anspruchsvollsten Rennen, liegt der Zieleinlauf im Central
Park und die Startlinie befindet sich auf Staten Island, hier werden die so
genannten handicapped mit besonderen Bussen hingefahren.
Richards Freundin Sabine und meine Frau Birgit haben uns mit dem Rollstuhl
auf dem Weg zum Bus begleitet, damit wir uns im Startbereich bei der langen
Wartezeit im Rollstuhl und nach der Zieleinfahrt wieder im Rollstuhl bewegen
können. Die Aufregung steigt, Richard und ich können den ersten
Bus nehmen. Hier sitzen insgesamt 5 Sportler mit ihren Sportgeräten drin,
ein Japaner der mit seinem Alltags-Rollstuhl in der Rennrollstuhl Klasse teilnimmt
und 2 andere Handbiker aus Polen und USA .Die beiden Handbiker hatten am New
York Marathon schon öfter teilgenommen. Beim Nachfragen bekommt man Angst
gemacht, die Streckenverhältnisse sollen sehr schlecht sein, die Steigungen
sollen an manchen Brücken doch sehr hart sein und der Wind soll einem
das ganze noch mehr erschweren. Im Startbereich angekommen werden unsere Bikes
von Guides in ein Zelt gebracht, hier können wir uns bis zur Verladung
unserer Rollstühle aufhalten und uns die Zeit mit Essen und Trinken vertreiben.
Vor dem großen Zelt sind ca. 10 Toiletten aufgebaut die auch mit dem
Rollstuhl zu benutzen sind, der Service hier ist einmalig.
Wir bekamen die Info das sich 99 Handbiker angemeldet hatten, aber nur 92
Fahrer an diesem Morgen am Start waren.
Die
Uhr zeigte bald 7:30 und es hieß umsteigen in die Bikes und die Rollstühle
wurden im UPS Truck verladen. Die Rennrollis wurden zuerst in die Aufstellung
gebeten danach kamen die Handbikes dran, nun spürte ich die Kälte
zum ersten Mal. Ich stand ohne Handschuhe und ohne Jacke in der Kälte die
durch den starken Wind sich noch kälter anfühlte. Nach ca. 45 Minuten
rollten wir Richtung Start und warteten dort auf den Startschuß der Rennrollies.
Was ich bis hierhin vermißte war die Möglichkeit zum warm fahren
und mußte feststellen dass uns die Möglichkeit auch erst nach dem
Startschuß geboten wurde. Endlich war es soweit wir rollten in die Startaufstellung
und ich hatte Glück ich nahm einen Startplatz rechts außen in der
zweiten Reihe, mit Blick auf die Verrazano-Narrows Brigde ein. Es sah schon
mächtig aus wo wir da rauf fahren sollten. Nach ein paar Interviews von
Leuten die mir unbekannt waren sollte es nun losgehen.
Der Startschuß erfolgte und mein Vordermann fuhr 2 Meter und hielt sofort
wieder an, was war los? Nachdem er sich in eine Reihe weiter links reingemogelt
hatte stand ich vor dem riesigen Lautsprecher durch den noch kurze Zeit vorher
die Interviews ertönten, er war wohl in dem ganzen Getümmel von Menschen
mal eben auf die Fahrbahn verrückt worden. Was soll’s knapp dran
vorbei und die hinter mir folgenden ein wenig abgedrängt, konnte ich nun
auch starten. Auf der Brücke spürte ich nun zum ersten Mal wie stark
der Wind wirklich blies. Mir kam es vor als sollte ich eine Wand hochfahren
und nicht nur einer Brücke die die New York Bay überbrückte.
Nach kurzer Eingewöhnung kam ich jedoch ganz gut voran und konnte einige
Fahrer schon auf dem 1,8 Kilometer langen Anstieg schon wieder überholen.
Nach ca. 8 Kilometern erreichte ich den ersten Viewing Location und hier konnte
ich spüren wo andere mir von erzählt hatten. Die Amis feuern dich
an als seiest du der Sieger des Rennens und als die auch noch meine kleine Deutschlandfahne
am Bike sahen war es ganz aus. Eine solche Begeisterung hatte ich vorher nur
bei der Zieleinfahrt ins Berlin von mehreren Tausend Menschen erfahren. Hier
waren es vielleicht 100 aber die gaben alles. Von solch einer Begeisterung angetrieben
kam jetzt ein Ehrgeiz zum Vorschein den ich zuvor noch nicht erlebt hatte. Mit
dem fahren in Gruppen klappte es hier nicht so gut, die Verständigung war
meist schlecht, da die Fahrer aus den unterschiedlichsten Länder der Erde
angereist waren. So machte ich mich als Einzelkämpfer auf den Weg, ich
versuchte meine Kräfte gut auf die komplette Strecke einzuteilen. Ich wurde
von 5 manchmal auch sechs Rennrad Guides begleitet die dafür sorgten das
die Strecke vor mir frei war und wenn jemand versuchte die Strasse zu überqueren
trillerten die Guides auf ihren Pfeifen. Einen solchen Service gibt es bei anderen
Marathons in Deutschland und dem benachbarten Ausland nicht. Dadurch kommt es
hin und wieder zu ungeliebten Zusammenstößen, die ich selbst auch
schon erlebt habe. Ich konnte hin und wieder kleine Gruppen von 3- 4 Fahren
auf der Strecke überholen und stellte fest dass es mit dem Einteilen der
Kräfte wohl nicht so gut hingehauen hatte. Es verließ mich der Ergeiz
und ich dachte darüber nach ob es nicht besser sei rechts ran zufahren
und einen technischen Defekt vorzutäuschen. Aber immer wieder feuerten
mich die Zuschauer ganz euphorisch an und ich machte weiter. Ich kann mich jetzt
nachdem dass Rennen schon eine Woche hinter mir liegt, gar nicht mehr so genau
daran erinnern wo die Strasse am schlechtesten waren. Aber eines ist sicher
der Sprecher hatte sich in der Wortwahl vergriffen er hatte die besten Strasse
angekündigt, in Wirklichkeit sind es die schlechtesten Strasse die ich
je erlebt hatte. Hin und wieder wurden wohl die größten Löcher
in der Strasse durch große Metallplatten abgedeckt und diese wurden mit
Bolzen in der Strasse befestigt. Die Bolzen wurden mit Neonfarbe angesprüht
damit wir diese sehen und nicht an den Bolzen platt fahren. Es gab Straßenabschnitte
mit solch tiefen Spurrillen, dass man überlegen mußte wo man am besten
fahren kann. Für das überqueren des Eastrivers wurden wir schon beim
Abholen der Startunterlagen durch eine Zeichnung auf die gefährlich Situation
hingewiesen. Als es im Rennen wirklich soweit war hatte ich diese Zeichnung
wohl vergessen und es kam wie es kommen sollte bei der letzen Kurve stand mein
Bike nur noch auf 2 Rädern und ich hatte Mühe es dort zu halten. Sie
Strohballen kamen bedrohlich nach, aber ich konnte das Bike abfangen und die
Zuschauen klatschten und riefen mir zu „GERMANY GO GO GERMANY GO“.
Diese Begeisterung der Zuschauer liegt außerhalb dem was ich mir je vorgestellt
hatte. Und wieder konnte ich auf einer langen Geraden zwei Fahrer überholen
die mich jedoch bei einer Brückenüberquerung aus Stahlgittern schnell
wieder überholten. Wir mußten über einen Teppich fahren der
dafür vorgesehen war, dass wenn man durch die Gitter durchschaute, nicht
die wirkliche Höhe der Brücke erkennen konnte. Dieser Teppich bewirkte
eine enorme Verzögerung beim befahren, ich dachte zuerst an einen Bremsdefekt
aber es war wirklich nur der Teppich. Diese beiden Fahrer hatte ich bis kurz
vor Schluß des Rennens immer wieder vor mir und ich konnte sie auf den
flachen Teilstücken überholen, jedoch sobald Steigungen kamen konterten
die beiden wieder und ich konnte nicht dagegenhalten. Auf der letzen langen
Steigung am Central Park zogen die beiden weg und ich hatte keinen Sichtkontakt
mehr. Im Ziel angekommen konnte ich nicht einschätzen welche Plazierung
ich hatte.
Im langen Auslaufbereich konnten ich wieder vom Bike in den Rollstuhl wechseln
und mußte feststellen das dies ohne fremde Hilfe nicht mehr möglich
war. 2 Guides standen mir sofort zur Seite und gaben wir die benötigte
Hilfe. Nach kurzer Erholungszeit wurde mir klar mein Ziel unter die TOP TEN
war mit dem 8. Platz erreicht und ich konnte mich zufrieden zurücklehnen.
Ich konnte mich mit dem diesjährigen Erstplaziertem unterhalten, er war
im letzten Jahr viel schlechter trainiert und trotzdem 8 Minuten schneller,
er war sich sicher dass die Wetterverhältnisse in diesem Jahr sehr viel
schlechter waren und keine schnellen Zeiten zuließen. Mein deutscher Freund
und Teamkamerad bei Proactiv Richard Prinz kam auf Platz 22 ins Ziel.
Nun wurde jeder handicapped mit seinem Bike plus Anhang in sein Hotel gefahren,
unser Fahrer war ein Angestellter vom NYPD, er war ein wenig durchgeschnallt
und die Fahrt ins Hotel war ein reiner Genuß mit vielen spaßigen
Situationen
Wenn ich mir nun mit ein wenig Abstand die Plazierungen anschaue, bin ich sehr
zufrieden und der NEW YORK Marathon war die Reise und die Strapazen wert.
Andreas Künkler
Photos vom New York Maraton